Peter Nennstiel

Zeitzeuge der Nachkriegsjahre

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Pauliturm   Interne Nummer: OSA 404 Vermessung: 499 BRT Tragfähigkeit: 731t Länge: 54,50m Breite: 11,00m Tiefgang: 3,80m Seitenhöhe: 3,95m Baujahr: 1971 Baunummer: 723 Bauwerft: J.G. Hitzler, Lauenburg Maschine: 2x MAN Typ V6V 22/30 ATL PS: je 1500 Geschwindigkeit: 13,7kn Pfahlzug: 44t Baupreis: 4,194 Mio DM 



Pauliturm mit neuem Namen (Tomas de Gouwdief) und holländischen Eigner. Heimathafen Ymuiden


Zwischendurch hatte ich noch eine kurze Fahrzeit auf der Pauliturm. Das Schiff gehörte der DDG. Hansa und wurde von der OSA Offshore Supply Association als Versorger für Bohrinseln in der Nordsee eingesetzt. Wir waren in Aberdeen stationiert und mussten eine Bohrinsel im Piper Field versorgen Im Oktober 1971 habe ich angemustert. Winterzeit und schlimme Stürme in der Nordsee. Nach ca. einem Monat lernte ich in Aberdeen eine Schottin kennen. Es kam wie es kommen musste. Der Versorge ist eines Nachts ausgelaufen und ich blieb an Land zurück. Als ich mich am nächsten Morgen beim Schiffsmakler meldete, kam sofort die Immigration, ich wurde verhaftet und mit einem Polizeiwagen nach Harwich gebracht und auf die damals noch fahrende Fähre Prinz Oberon  Richtung Bremerhaven abgeschoben. Die Englischen Behörden waren für ihre harten aber effektiven Methoden bekannt. Jahre später habe ich die Pauliturm noch einmal gesehen. Unter holländischer Antillen Flagge mit dem lustigen Namen Thomas de Gaudief. De Gaudief heißt frei übersetzt der Taschendieb. Also hieß die gute alte Pauliturm jetzt: Thomas der Taschendieb. 2003 war sie noch im Dienst


Die alte Englandfähre Prinz Oberon. 10 Jahre lang fuhr sie vom Columbusbahnhof nach Harwich. Mit einem Reederei PKW bin ich von ihr in den berühmt berüchtigten Linksverkehr quer durch England gefahren.



Bei einem meiner seltenen Besuche in Bremen, lernte ich Anfang 1973 in der damals berühmten Diskothek "Christoffer of Bremen" meine zweite Ehefrau "Elke" kennen. Jetzt wo ich diese Zeilen schreibe, kann ich stolz feststellen, wir sind heute seit 32 Jahren immer noch glücklich verheiratet. Verständlicher Weise, wollte ich nicht mehr so weit von zu Hause weg. Ich bekam auf Grund meiner abgeschlossenen Ausbildung auch schnell einen Job als Matrose auf einem Binnentanker der Bremer Binnenschiffsreederei "B.Dettmer und Co."
Mit Hilfe der Personalchefin Frau König, einer sehr netten und energischen Dame konnte ich auch schnell mein Schiffsführer Patent machen. Sie hat mich quasi etwas angeschoben. Nach mehreren Prüfungen, hatte ich auch mein Maschinenpatent C1, das Radarpatent und mein Funksprechzeugnis. Im Gegensatz zu meiner Lehrzeit waren die Schiffe sehr modern und gut ausgerüstet. Meine Frau konnte mich auf den meisten Reisen begleiten. Mein Schiff, die "Dettmer Tank 42" war das erste Deutsche Binnenschiff, dass von West Berlin durch die ehemalige DDR nach Stettin fahren durfte. Das war ein einmaliges Erlebnis, erst von Hamburg über die Elbe und die Havelseen nach Berlin. Von dort zum uralten Schiffshebewerk in Niederfino (als Kleinkind war ich ja noch mit meinen Eltern in der Nähe, in Eberswalde) in Schwedt fuhren wir in die Oder. Bis zur polnischen Grenze und dann auf der West Oder bis Stettin (Szetschin.)
 Wir sind diese Strecke noch sehr oft gefahren, aber immer wieder zog mich die wunderschöne Landschaft in ihren Bann. Der Ausblick von Finow tief hinunter in den Oderbruch war herrlich. Ich hatte jedes Mal ein tiefes Gefühl der Heimatverbundenheit. Das selbe Heimatgefühl werden auch, die dort nach dem Krieg geborenen Polen haben. Damals hätte sich jeder bei dem Thema Wiedervereinigung und EU Beitritt Polens in bezeichnender Weise an den Kopf getippt.
 Auf dem Schwarzmarkt bekamen wir für 50, - DM. Ca. 5000 bis 7000 Sloty. Das war in etwa der Monatslohn eines polnischen Hafenarbeiters. Dadurch wurde unser Aufenthalt in Polen immer spottbillig. Alle Kleinigkeiten, die bei uns im Westen selbstverständlich waren, wurden in Polen sehr gerne genommen. Mit Kugelschreiber, Einwegfeuerzeuge, Strumpfhosen, Lockenwicklern usw. konnten wir den Leuten wirklich eine Freude machen. Von allen mir bekannten Ostblockländern, hatten sich die Polen mit dem Kommunismus am besten arrangiert. Mit kleinen Geschenken, konnten wir angefangen bei der Grenzkontrolle, über Zoll, Polizei und Militär fast alles regeln. Für mich war es eine interessante Feststellung, dass über 30 Jahre nach Kriegsende, in Stettin noch teilweise deutsche Namen und Straßenschilder angebracht waren. Die Machthaber hinter dem eisernen Vorhang lebten in Saus und Braus, der einfachen Bevölkerung wurden die kleinen Annehmlichkeiten des Lebens vorenthalten.
 Ich frage mich ob Lenin, Marx oder Engels, dass mit ihren Theorien so gewollt haben. Wie viel Elend habe Nationalsozialismus und Kommunismus der Bevölkerung angetan? Im Kontext sollten aber auch die Leidenswege der Deutschen unter polnischer Gewalt von 1919 bis 1939 stehen. (Bromberger Blutsonntag.) Wie konnte es nur zu dieser Eruption chauvinistisch motivierter polnischer Gewalt kommen? Und was das Erschütterndste war. Die polnische katholische Geistlichkeit hat das Volk dazu angetrieben.            

Dettmer Tank 42