Peter Nennstiel

Zeitzeuge der Nachkriegsjahre

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Zu diesem Zeitpunkt, wurde ich auch volljährig und durfte mein Leben selber bestimmen. Ich kündigte und reiste mit dem Vorsatz nie wieder Binnenschiffahrt mit der Eisenbahn (Dampflokomotiven) nach Bremen, dort mietete ich mich in das preiswerte Seemannsheim ein. Innerhalb weniger Tage war ich im Besitz meiner Seefahrtspapiere (Seefahrtsbuch, Gesundheitsattest, Bescheinigungen über Impfungen)  Stolz machte ich mich auf den Weg zur Heuerstelle im Bremer Überseehafen. Das alte Hafenrevier, wurde lange Jahre später, von Juli bis Dezember 1998 mit Sand verfüllt und mit modernen Hallen für den neuen Großmarkt Bremen bebaut. Geblieben sind nur der denkmalgeschützte Speicher XI, der alte Molenturm und das Hafenhaus, sowie tausende von Holzpfählen tief im Untergrund der alten Kajelinien. Hafen 2, der Generationen von Männern und ihre Familien vielleicht ein Berufsleben lang ernährt hat. Er lebt in meiner Erinnerung weiter.
Anfang der sechziger Jahre boomte die Schiffahrt und die Bremer Häfen. Hunderte von Hafenarbeiter strömten zu Schichtbeginn durch die Zolltore. Arbeit zu finden war zu der Zeit nie ein Problem. 
Auf der Heuerstelle wurde mir die halbe Fahrzeit in der Binnenschiffahrt
angerechnet, ich bekam einen Heuerschein als Leichtmatrose für die "Pallas" ein 499 BRT. großes Küstenmotorschiff (Kümo)  der Deutschen Dampfschiffahrtsgesellschaft "Neptun" aus Bremen. Das Schiff fuhr Stückgut im Liniendienst Bremen-Schweden. Mein Dienstbeginn war am nächsten Morgen, das Schiff lag am Schuppen 3 im Europahafen. Die erste Reise ging durch den Nordostseekanal nach Stockholm und Sundsvall. Mein Kindheitstraum ging in Erfüllung, ich war kein Kahnschipper mehr, ich war Seemann. Es war wie im Paradies, drei warme Mahlzeiten am Tag, warm duschen so oft man wollte, die Möglichkeit, zollfrei einzukaufen, die Stange Zigaretten kostete nur sechs DM. Gleich auf der ersten Reise lernte ich meine damalige große Liebe kennen, eine niedliche gleichaltrige Schwedin mit dem schönen Vornamen "Gunilla". 


Proteus



In den Sommermonaten ist die Skandinavienfahrt wunderbar, leider kamen die kalten Wintermonate. Ich beschloss, mir ein neues Schiff zu suchen, das in wärmere Gefilde fährt. Die Neptun Reederei hatte auch das passende, die "Proteus" das Schwesterschiff der "Pallas" Fahrtgebiet Portugal und Spanien.
Die Schiffe der "Neptun" Reederei, führten alle Namen aus der griechischen Mythologie. In den Häfen Lissabon, Setubal und Oporto gab es ein reges Nachtleben, ebenso wie in Bilbao, Alicante und Valencia. Von meiner Heuer blieb kein Pfennig über.
Der einzige Nachteil, wir mussten während jeder Reise zweimal durch die Biskaya. Ein berüchtigtes, schlecht Wettergebiet. Die verhältnismäßig kleine "Proteus" und bis zu zu zehn meter hohe Wellen. Danach bin ich nie wieder seekrank geworden. Mir wurde aber auch klar, welche Gewalt Wasser haben kann.
Da ich noch keinen Vollmatrosenbrief für die Seefahrt besaß, musste ich nach einem Jahr eine Prüfung auf dem "Segelschulschiff Deutschland" ablegen. Ich habe die Prüfung bestanden. Auch finanziell stand ich mich jetzt besser. Die Matrosenheuer war höher als die eines Leichtmatrosen.

Auf dem Segelschulschiff, lernte ich den bei allen Seeleuten bekannten "Bootsmann Mau" kennen. Ob das sein richtiger Name, oder nur ein Spitzname war, habe ich nie erfahren. Wahrscheinlich das letztere. Auf jedem Fall war er ein Original. Die Schiffsjungen wurden mit harter Hand über Deck gescheucht. Die Bezeichnung, rauhe Schale weicher Kern passte zu ihm. Da ich ihm öfters eine Zigarre schenkte, (er war Zigarren Kettenraucher.) wurde ich sofort von der lästigen Pflicht des Messing putzen befreit.
Eines Tages war Kutterpullen (rudern) angesagt. Die richtige Handhabung der Rettungsboote war Teil der Prüfung. Mit an Bord: "Bootsmann Mau", eine Horde ziemlich angetrunkener Heizer und meine Wenigkeit.

Vom Liegeplatz des Schulschiffes in der kleinen Weser, bis zum Europahafen, lief alles einigermaßen glatt. Dann mussten die Heizer wegen einer Pinkelpause an Land. Sie sind nie wieder gekommen. Laut singend sind sie zur berühmt berüchtigten Kneipe "Weserperle" geeilt. Normal schreibe ich Gaststätte, aber bei der Tag und Nacht geöffneten "Weserperle" passt der Ausdruck Kneipe besser.
Der Standort war ein Trümmergrundstück Ecke Lloydstraße und Korfsdeich. Auf dem Grundstück ist heute die Firma Seekarten-Kapitän Dammeyer.
Bootsmann Mau und ich mussten das schwere Kraweel (niederdeutsch, kraweel=glatt.)
Holz Rettungsboot alleine wieder zurück rudern. Für die kurze Strecke brauchten wir vier Stunden.


Bremen, die " Leipzig " im Wendebecken Überseehafen

  Bremen. Einfahrt in den Europahafen

Molenfeuer Europahafen